Die Auswahl von Nahrungsergänzungsmitteln sollte auf Qualitätskriterien, Herstellungstechnologie und der Übereinstimmung mit wissenschaftlichen Belegen beruhen. In der Praxis bedeutet das, sich von Marketingparolen zu lösen und auf jene Aspekte zu konzentrieren, die tatsächlich über die Wirksamkeit und Sicherheit der Supplementierung entscheiden. Im Folgenden eine Übersicht der wichtigsten Grundsätze, mit denen sich der reale Wert eines Präparats beurteilen lässt.
1. Standardisierte Präparate - warum ist das entscheidend?
Standardisierung ist der Prozess, bei dem ein Pflanzenextrakt oder eine Mischung synthetischer Substanzen so aufbereitet wird, dass sie eine definierte Menge eines bestimmten Wirkstoffs (oder einer Wirkstoffgruppe) enthält. Das bedeutet, dass jede Charge des Produkts eine reproduzierbare Dosis einer biologisch aktiven Substanz liefert und dadurch Wirkungen erzielen kann, die mit denen klinischer Studien vergleichbar sind.
Ohne Standardisierung kann der Gehalt an Wirkstoffen zwischen den Chargen erheblich schwanken. Die biologische Wirkung wird unvorhersehbar - das Präparat kann nur Spuren des Wirkstoffs enthalten, was zu fehlender therapeutischer Wirkung führt; das Produkt verliert seinen wissenschaftlichen Wert und kann für die jeweilige Indikation einem Placebo gleichgesetzt werden.
Wenn der Hersteller den prozentualen Gehalt des Wirkstoffs nicht angibt, lässt sich dessen Wirksamkeit in der Praxis kaum beurteilen. Beispiele für Standardisierung sind:
- Kurkuma (Curcuma longa) - Extrakt standardisiert auf 95% Curcumin.
- Indischer Weihrauch (Boswellia serrata) - Extrakt standardisiert auf 65% Boswelliasäuren.
- Rosenwurz (Rhodiola rosea) - Extrakt standardisiert auf 5% Rosavine und 3% Salidrosid.
- Rinderkolostrum - standardisiert auf >60% IgG (Immunglobulin G).
- Sulforaphan - Brokkolisprossenextrakt standardisiert auf 4 mg Sulforaphan.
2. Geeignete Dosen und der Vorteil von Einzelstoff-Präparaten
Allein die Anwesenheit eines Wirkstoffs in einer bestimmten Standardisierung reicht nicht aus. Entscheidend ist eine therapeutische Dosis, die mit klinischen Studien übereinstimmt. Viele Präparate enthalten Inhaltsstoffe in Mengen unterhalb der Schwelle biologischer Wirksamkeit. Häufig liegt das daran, dass aus rein marketingtechnischen Gründen versucht wird, möglichst viele Substanzen in eine einzige Kapsel zu „packen”. Selbst wenn man eine Mischung fände, die für eine bestimmte Indikation als „Wundermittel” fungiert, ließe sie sich physisch nicht in eine einzige Kapsel füllen.
Bei Magnesium liegt die wirksame supplementäre Dosis beispielsweise bei 300-400 mg Magnesiumionen pro Tag. Multimineral- oder Multivitaminprodukte enthalten häufig nur 50-100 mg, was nicht einmal eine subklinische Dosis erreicht.
Zu beachten ist auch, dass die Masse des gesamten Salzes - etwa Magnesiumcitrat oder ein Chelat wie Magnesium-Bisglycinat - deutlich höher ist als die Masse der darin enthaltenen Magnesiumionen. In drei durchschnittlich großen Kapseln lassen sich daher etwa 480-530 mg Magnesiumionen erreichen (je nach chemischer Form).
Ähnlich verhält es sich bei Omega-3-Ölen - die kardioprotektive Wirkung wird bei einer Aufnahme von etwa 1-2 g EPA+DHA pro Tag beobachtet, nicht bei 200-500 mg pro Portion. Auch bei pflanzlichen Extrakten ist es nicht anders - bei der Supplementierung mit Rotem Salbei (Salvia miltiorrhiza) etwa wird ein blutdrucksenkender Effekt bei Dosen von 20-40 mg Tanshinon IIA, einem der Hauptwirkstoffe der Pflanze, beobachtet. Bei einer Standardisierung von 2% entspricht das 1000-2000 mg Roter-Salbei-Extrakt pro Tag.
Es ist daher besser, einzelne, gut ausgewählte Inhaltsstoffe in wirksamen Dosen zu verwenden, als Mischpräparate mit unklarer Wirkung. Dieser Ansatz steht im Einklang mit der Pharmakologie, in der eine präzise Dosis und ein klar definierter Wirkmechanismus im Vordergrund stehen.
3. Die richtige Form des Präparats - die Bioverfügbarkeit zählt
Die Form, in der ein Inhaltsstoff vorliegt, beeinflusst direkt seine Aufnahme und biologische Wirksamkeit.
Wir wissen bereits, dass standardisierte Extrakte gegenüber Pulvern aus Wurzeln, Blättern oder anderen Pflanzenteilen ohne definierten Gehalt der Hauptwirkstoffe einen klaren Vorteil haben. Auch die Herstellungsangabe, z. B. DER 10:1, sagt für sich genommen wenig aus und ist kein verlässlicher Qualitätsindikator.
Bei Mineralien oder spezifischen Verbindungen ist die chemische Form am wichtigsten, denn unterschiedliche Stoffgruppen werden unterschiedlich aufgenommen. Magnesium und Zink sind gute Beispiele. Citrat- oder Bisglycinatformen dieser Elemente zeichnen sich durch hohe Bioverfügbarkeit und gute Dissoziation im menschlichen Körper aus, im Gegensatz zu Oxid (häufig in günstigeren Präparaten) oder Zinkpicolinat, das zwar effizient aufgenommen wird, aber von den Zellen schwerer verwertet werden kann.
Ähnlich verhält es sich bei der Auswahl von Präparaten mit B-Vitaminen. Ihre synthetischen Formen haben nicht dieselben therapeutischen Effekte wie ihre natürlichen Pendants (aktive Formen) - angefangen beim Resorptionsgrad aus dem Magen-Darm-Trakt über die Wirksamkeit bis hin zum Stoffwechsel. Der entscheidende Unterschied: Aktive Formen umgehen den unnatürlichen Schritt der metabolischen Umwandlung, wirken oft in geringeren Dosen als synthetische Formen, und es gibt keine zusätzlichen Probleme mit ihrer Ausscheidung, wenn sie vom Körper nicht ordnungsgemäß verstoffwechselt werden.
Das bekannteste Pendant zu Folat ist beispielsweise Folsäure - eine Substanz, die in der Natur nicht vorkommt. Mit gewissen Ausnahmen (in der Fachliteratur gut beschrieben) ist 5-MTHF (die aktive Form von Folat) in der Regel die bessere Wahl. Dasselbe gilt für die übrigen B-Vitamine, einschließlich Vitamin B6 (Pyridoxin), bei dem das Hydrochlorid nicht so wirksam ist wie die aktive Coenzymform - P-5-P (Pyridoxal-5-phosphat).
4. Keine Füllstoffe und überflüssigen Zusätze
Ein hochwertiges Präparat sollte eine minimale oder gar keine Menge an sogenannten „Hilfsstoffen” enthalten. In der Praxis enthalten viele Produkte jedoch künstliche Farbstoffe, Titandioxid, Magnesiumstearat (in größeren Mengen), Kieselsäure, mikrokristalline Cellulose, Süßungsmittel und Aromen. Es handelt sich um technologische Zusätze, die das Kapselvolumen erhöhen, die Verarbeitbarkeit verbessern und das Produkt stabilisieren.
In den meisten Fällen gelten sie in geringen Mengen als sicher, allerdings fehlen hochwertige wissenschaftliche Belege (insbesondere für Titandioxid) für ihre langfristige, unbedenkliche gesundheitliche Wirkung. Sie können auch selbst die Bioverfügbarkeit der Wirkstoffe beeinflussen und bei empfindlichen Personen Magen-Darm-Beschwerden auslösen.
Ausnahmen, die das Rohmaterial in einem Präparat stabilisieren, sind bestimmte Arten natürlicher Ballaststoffe wie Inulin - obwohl auch diese (trotz Spurenmengen) für Personen mit Darmbeschwerden wie Reizdarmsyndrom (RDS) eine Kontraindikation darstellen können. Ein gutes Präparat sollte eine möglichst einfache Zusammensetzung haben - je kürzer die Liste der Hilfsstoffe, desto besser. Wenn keine vorhanden sind und die Herstellungstechnologie das Produkt anderweitig vor Feuchtigkeit und Mikroorganismen schützen kann, ist das ideal.
5. Das Problem von Preis und Verfügbarkeit
Das letzte Hindernis für eine wirksame Supplementierung sind häufig der Preis des Produkts und die vom Hersteller empfohlene Tagesdosis. Ein Paradebeispiel ist Sulforaphan. In den meisten Humanstudien lagen die wirksamen Dosen dieses Inhaltsstoffs (für gängige Indikationen) bei 10-40 mg reinem Sulforaphan pro Tag. Leicht verfügbare Präparate liefern in der Regel nur 200-400 µg. Das ist häufig 50- bis 100-mal weniger. Deshalb ist es so wichtig, hochwertige wissenschaftliche Evidenz mit der kommerziellen Realität in Einklang zu bringen.
Zusammenfassung - praktische Auswahlkriterien
Bei der Auswahl eines Präparats lohnt es sich, den folgenden eisernen wissenschaftlichen Kriterien zu folgen, statt sich auf Marketingversprechen des Herstellers oder das Aussehen der Verpackung zu verlassen. Um die besten Ergebnisse zu erzielen, sollte ein Produkt folgende Eigenschaften aufweisen:
- Standardisierung auf einen definierten Wirkstoffgehalt
- Eine klinisch begründete Dosis
- Eine geeignete chemische Form und Herstellungstechnologie
- Eine einfache Zusammensetzung ohne überflüssige Zusätze
- Einzelne Inhaltsstoffe statt Mischungen